In diesen Tagen haben viele Tagesgeld-Kunden der ersten Stunde bei der britischen Barclays-Bank Post mit einem auf den ersten Blick guten Angebot erhalten: In Aussicht gestellt wird für sechs Monate ein Zinssatz von 2,75 Prozent aufs Tagesgeld (bzw. genauer gesagt ein Zinsaufschlag von 2,25 Prozentpunkten auf den EZB-Leitzins, der derzeit bei 0,5 Prozent liegt, womit man insgesamt auf ebendiese 2,75 Prozent käme). Das ist derart sensationell, dass das ganze natürlich einen Haken haben muss; und den hat es.
Zielgruppe sind Kunden mit 1,75 Prozent Zinsaufschlag
Denn die Post haben Kunden erhalten, die zuschlugen, als die Konditionen des Tagesgeld-Angebotes von Barclays noch ganz andere waren als heute. Während heute ein für ein Jahr garantierter Zinsaufschlag von läppischen 0,25 Prozentpunkten auf den EZB-Leitzins geboten wird (womit man effektiv bei 0,75 Prozent landet), waren es damals satte 1,75 Prozent – also das siebenfache!
Und das beste daran: Dieser Zinsaufschlag wurde anfangs für volle drei (!!) Jahre ab Kontoeröffnung garantiert. Kunden aus dieser Zeit erhalten aktuell also 2,25 Prozent auf ihr Tagesgeldkonto bei Barclays und je nach individuellem Zeitpunkt der Kontoeröffnung wird der Zinsaufschlag noch für ca. eineinhalb verbleibende Jahre garantiert.
Neues Angebot für die meisten deutliche Verschlechterung
Die in der neuerlichen Offerte angebotenen 2,75 Prozent liegen zwar sogar nochmals 0,5 Prozentpunkte darüber, gelten aber wie gesagt nur für sechs Monate. Dies vor Augen gehalten, wird schnell klar, dass dieses Angebot für die Bestandskunden mit „Besitz“ der dreijährigen Zinsaufschlags-Garantie im Normalfall alles andere als attraktiv ist. Denn nach Ablauf der sechs Monate würde man auf die aktuellen Bestandskonditionen zurückfallen, sodass der Zinsvorteil durch das aktuelle Angebot schnell aufgefressen würde beziehungsweise sich dann auch zu einem gewaltigen Nachteil auswächst: Denn für sechs Monate erhält man zwar 0,5 Prozentpunkte mehr, für den Rest der Zeit dann aber 1,5 Prozentpunkte weniger – schon nach weiteren zwei Monaten wäre der sechsmonatige Zinsvorteil also nivelliert.
Da muss man kein Mathe-Genie sein, um festzustellen, dass dies kein gutes Angebot ist. Insofern finde ich den Versuch reichlich plump. Man fühlt sich fast ein bisschen so, als würde man für blöd gehalten. Wie viele Kunden wohl auf das Angebot einsteigen?
Auch anschließender Wechsel zur Top-Konkurrenz keine Alternative
Auch wenn man im Anschluss an die 2,75 Prozent zur besten Konkurrenz am Markt wechseln würde, würde man schnell wieder ins „Minus“ kommen. Denn in der Spitze werden aktuell 1,5 Prozent geboten und die Tendenz zeigt weiter klar nach unten – wer weiß, wie das in sechs Monaten aussieht.
Somit wird auch schnell klar, wieso Barclays versucht, die alten Bestandskunden aus der dreijährigen Zinsgarantie herauszuholen. Denn es scheint ein Minusgeschäft für die Bank zu sein, da die Zinsen der alten Kunden derart deutlich über den aktuellen marktüblichen Konditionen liegen.
Mich würde mal sehr interessieren, wie hoch das gesamte Volumen der Tagesgeldanleger bei Barclays mit dieser dreijährigen Garantie ist. Und ob jeder, der in diese Kundengruppe fällt und etwas angelegt hat, dieses Schreiben erhalten hat. Gibt es hier jemanden, der in die Gruppe fällt und das Schreiben nicht erhalten hat?
Es ist übrigens nicht der erste Versuch von Barclays, auf diesem Wege die dreijährige Zinsgarantie vorzeitig zum Ende zu bringen. Zuvor war es immer so, das aber nicht alle Kunden das jeweilige Angebot erhielten. Von der „Plumpheit“ her waren die Versuche aber vergleichbar.
Wirkung des EZB-Leitzinses wurde überschätzt
Bei Barclays jedenfalls wird man sich über diese Bestandskunden sicherlich ärgern, da sie eine große Belastung darzustellen scheinen. Damals als das Angebot aufgesetzt wurde, lag der EZB-Leitzins noch bei glatt einem Prozent, womit man sogar auf 2,75 Prozent kam. Auf diesen Zinssatz kamen aber damals auch andere Top-Anbieter (ich erinnere mich zumindest an MoneYou, die diesen Zinssatz zeitgleich boten – heute werden dort 1,45 Prozent gezahlt, womit man aktuell mit an der Spitze der Vergleiche liegt).
Seitdem ist der EZB-Leitzins „nur“ um einen halben Prozentpunkt auf 0,5 Prozent gesunken. Die Topzinsen der Tagesgeldanbieter sind jedoch deutlich stärker zurück gegangen, nämlich um 1,25 Prozentpunkte. Für Barclays wurde also vor allem die Fehleinschätzung zum Verhängnis, dass sich die Top-Tagesgeldzinsen eng am Leitzins orientieren würden und nun hat man die ganzen Kunden mit 2,25 Prozent an der Backe, für die die anderen Tagesgeldanbieter und noch nicht einmal die besten kurzfristigen Festgelder der anderen Banken interessant sind, da sie bei Barclays aufs Tagesgeld noch immer deutlich mehr erhalten.
Nur wer kurzfristig größere Ausgaben plant, sollte zuschlagen
Doch für die Kunden ist es im Endeffekt auch egal bzw. sogar von Vorteil – so lange die Bank nicht dran kaputt geht. 😉 Wichtig ist jedenfalls, sich die jüngste Offerte ganz genau anzusehen. In den meisten Fällen sollte die Empfehlung wohl ganz klar sein, sie nicht anzunehmen, sondern lieber die alte Zinsgarantie weiter laufen zu lassen.
Nur wer in zirka sechs Monaten eine größere Anschaffung plant (zum Beispiel Autokauf, Immobilienkauf etc) und anschließend kein oder nur noch kaum Erspartes hat, der kann die sechs noch höher verzinsten Monate ruhig mitnehmen. Alle anderen sollten es beim Status Quo belassen.
Das ist meine persönliche Meinung und so werde ich es auch handhaben. Denn auch ich zähle zu diesem glücklichen Kunden der ersten Stunde. 🙂
PS: Vielen Dank für die vielen Hinweise auf die Post von Barclays in den Kommentaren! 🙂 Ich selbst bin momentan leider nicht zu Hause und kann daher nicht prüfen, ob ich sie auch erhalten habe (ich gehe aber stark davon aus). Mich würde noch interessieren: Wird im Schreiben von Barclays klar und transparent formuliert, dass man auf seine bestehende Zinsgarantie „verzichtet“, wenn man das neue Angebot in Anspruch nimmt? Und ist eine Frist genannt, bis zu der das neue Angebot gilt?
Update vom 17.09.2013
Wie einige Leser in den Kommentaren melden, werden offenbar auch die Kunden angeschrieben, die die Zinsgarantie mit 1,5% Leitzins-Aufschlag besitzen. Hier werden die Kunden mit dementsprechend mit 2,5 Prozent für sechs Monate geködert. Dieses Angebot ist dementsprechend ebenso unattraktiv wie das für die Kunden mit 1,75% Aufschlag. Vielen Dank für die Wortmeldungen! 🙂
PS: Ich habe nach meinem Urlaub nun auch meine Post gesichtet und habe das Angebot erwartungsgemäß auch erhalten. Ich habe das das Anschreiben („Jetzt Top-Zinsen von aktuell 2,75% auf Ihrem LeitzinsPlus Konto sichern“) sowie den „Antrag zum LeitzinsPlus Konditionswechsel“ mal abfotografiert und in diesen Beitrag hier eingebunden, damit auch alle, die diesen Brief nicht erhalten haben, einen Einblick haben. Außerdem dabei war ein kostenloser Freiumschlag (den werde ich mir aufheben und darin dann nach Ablauf der Zinsgarantie meine Kündigung für das Barclays-Tagesgeldkonto abschicken ;)). Offenbar kann das Angebot nur postalisch und nicht übers Online-Banking abgeschlossen werden.


Also ich freue mich auch auf die Zinsjagd, wenn ich mich durch all die unglaublich tollen Angebote wühlen muss und mich nicht zwischen den Top 3 Banken entscheiden kann, die alle 4,5% mit tägicher Zinsausschüttung anbieten.
Aber sobald ich aufwache und mein schöner Traum abrupt zu Ende ist, sehe ich da in nächster Zeit für spannende Zinsjagden erst mal schwarz 😛
Auch wenn es doof klingt, aber ich „freue“ mich auch ein bisschen darauf, wieder selbst auf „Zinsjagd“ gehen zu können und nicht nur hier im Blog darüber zu berichten. Irgendwie ist die Beobachtung des Tagesgeldmarktes halbwegs langweilig, wenn man diese alte Barclays-Zinsgarantie hat. Aber ich will darüber natürlich nicht jammern. 😉
Ich bin ebenfalls gespannt darauf, wie sie auf das Ende der Zinsgarantie reagieren werden. Ich bin da aber weit weniger optimistisch. Ich gehe davon aus, dass sie auf die Trägheit der Kunden setzen. Ich teile hingegen Deine Einschätzung, dass MoneYou auch dann noch eine gute Wahl sein wird.
Ich denke, wenn dann im dreiviertel Jahr die Zinsgarantie ausläuft, werde ich mein Geld erst mal reflexartig zu MoneYou holen und dann genauer über die Zukunftsplanung meiner Kröten nachdenken.
Allerdings kann ich mir auch vorstellen, dass das Thema Barclays dann immer noch nicht komplett abgefrühstückt ist. Falls sie nicht fluchtartig den deutschen Markt wieder verlassen wollen, arbeiten sie wahrscheinlich schon an neuen Angeboten. Vielleicht konnte Barclays sich selbst nicht vorstellen, dass der Leitzins ins Bodenlose rauscht und damit sämtliche aktuellen Angebote unattraktiv macht. Mal angenommen, Mario Draghi senkt bis dahin tatsächlich nochmal komplett auf 0%, kann ich mir nicht vorstellen, dass Barclays weiterhin Werbung mit „attraktiven Tagesgeldkonten“ machen und als Gesamtzins 0,25% ins Feld führen will. Entweder, sie erhöhen ihren Aufschlag dann doch wieder, oder sie saugen sich wie die anderen Anbieter einfach einen Zinssatz aus den Fingern, der immer noch gerade so besser ist, als das Geld unter die Matratze zu packen, oder sie schauen zu, wie sämtliche Kunden, die sie anfangs akquiriert haben, sich ihr Geld auszahlen lassen, die Bank wechseln und sagen dann „Goodbye Germany“.
Aber vielleicht machen sie ja überraschend doch weiter und haben sich vielleicht für den nächsten März schon eine Überraschung ausgedacht, damit wenigstens die Bestandskunden bleiben. Ich könnte mir da so eine Brief-Aktion vorstellen, wie sie sie ja schon ein paar mal gestartet haben. Wenn sie jedem Kunden eine Anpassung des Zinszuschlags nach unten anbieten, die immer noch akzeptabel ist und vielleicht noch ein paar weitere Goodies in die Tüte packen, wie z.B. monatliche Zinsauszahlung, könnte es sich für viele aktuelle Kunden immer noch lohnen, dort zu bleiben.
Habe keinen Brief bekommen, schade, dass es auch nur noch bis März die Zinsgarantie gibt. Mal sehen, wo ich dann unterkomme 😉
Ist ja auch illegal. Stichwort „Handeln auf eigene Rechnung“. 😉
Peter, das klingt nach einer Geschäftsidee: andere Leute legen ihr Geld über Bestandkunden auf deren Konto an. Den Zinsvorteil zwischen marktüblichen Zinsen und Barclay-Zinsen teilt man sich 😀
Nur wer vertraut Fremden sein Geld an? Und wie behandelt man das in der Steuererklärung?